ACHTUNG ?!
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Fonds für die innere Sicherheit durch
die Europäische Union kofinanziert.


Öffentliche Veranstaltung im Scala


ACHTUNG?! - Kampagnenspot


Aktuelle Presseberichte über das Projekt. Weitere Presseberichte finden Sie im Bereich Downloads/Presse.
Lesen Sie den Artikel "Extremisten tragen nicht immer Sprengstoffgürtel" des Gäuboten vom 19.05.2017.
Lesen Sie den Artikel "Wichtige Antworten nicht Youtube überlassen" des Gäuboten vom 17.05.2017.

Immer häufiger rütteln uns Nachrichten über Anschläge auf. Brüssel, Istanbul, Paris: Das sind nur einige der Städte, in denen in der jüngeren Vergangenheit Menschen durch Attentate ihr Leben verloren haben. In Zeiten, in denen die Polarisierung unserer Gesellschaft das friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlichen Glaubens und unterschiedlicher Herkunft gefährdet, soll die Initiative „ACHTUNG?!“ für ein Thema sensibilisieren, das uns alle angeht und das nicht erst beginnt, wenn es irgendwo auf der Welt „knallt“. Extremismus und Radikalisierung beginnen früher. Insbesondere junge Menschen sind empfänglich für die Ideologien extremistischer Organisationen. Sie sind bei der Suche nach ihrem Platz in der Gesellschaft auf Orientierung angewiesen und verknüpfen ihre persönliche Sinnsuche oft mit der Sehnsucht nach Geborgenheit, Anerkennung, Vertrauen und Gemeinschaft. Dabei sind sie besonders sensibel für sinngebende Impulse. Verständliche, einfache Erklärungsansätze für eine komplexe, schnelllebige und oftmals ungerechte, unverständliche Welt sind in dieser Lebensphase hoch im Kurs.

Es gibt viele Gründe, warum sich gerade Jugendliche radikalisieren. Egal ob rechter, linker oder religiöser Fanatismus, die Muster ähneln sich. Im Einzelfall sind es oft bekannte Auslöser, die zum Abdriften führen und weitreichende Folgen verursachen können, wenn man nicht gegensteuert. Persönliche Enttäuschung, sozial nicht Eingeordnetsein, Bruchstellen in der eigenen Biographie oder das Empfinden, nicht teilzuhaben am großen Ganzen. Gerade junge Menschen reagieren darauf oft mit einer gewissen Rigidität. Sie suchen Halt in der Starrheit einzelner Angebote. Dies wird von „Verführern“ genutzt, die auf einfache Botschaften setzen. Die Regeln sind klar, die Wahrheiten einfach. Diese schlichte Weltsicht ist gerade für viele Jugendliche in der Phase der Sinnsuche ein wichtiger Anziehungspunkt. Wir wollen dies sichtbar machen. Wir möchten sensibilisieren für „Achtung“ und dafür, Achtung zu haben vor Andersdenkenden. Wir möchten aber auch darüber aufklären, was alle tun können, nämlich wachsam zu sein und sich zu informieren. Dies ist der Schlüssel dafür, im Zweifel Schlimmeres zu verhindern.

Amerika, Frankreich oder Norwegen sind weit weg und der Nachhall von Anschlägen verflüchtigt sich schnell. So kann man denken. Aber so sollte man nicht denken! Es sind nicht nur irregeleitete Fanatiker, die irgendwo auf der Welt zuschlagen. Auch bei uns, vielleicht direkt in der Nachbarschaft, gibt es womöglich erste Anzeichen von Radikalisierungen. Wir haben mit Aussteigern aus dem rechten und aus dem salafistischen Spektrum gesprochen und dabei festgestellt, dass es oft nur eines winzigen Drehs an den Stellschrauben der Persönlichkeitsbildung bedarf, damit ein Mensch in die eine oder in die andere Richtung abdriftet. Familienangehörige und Freunde solcher „Extremisten“ fragen sich später oft: „Habe ich etwas übersehen?“ oder auch „Hätte ich gegensteuern können?“ Dabei wird oft nach der Politik gerufen, die es richten soll. Auf ihr mag die Verantwortung lasten, allerdings kann sich der Einzelne deshalb nicht freisprechen. Familie, Freunde und soziales Umfeld sind die besten Seismographen für persönliche Erschütterungen. Nicht von ungefähr rät der Innenminister der Bundesrepublik Deutschland: „Wir brauchen auch in der Bevölkerung eine erhöhte Aufmerksamkeit, wenn sich Familienangehörige, Nachbarn oder Freunde radikalisieren.“

Die aktuelle europaweite Zuwanderungsproblematik stellt die Gesellschaft vor große Herausforderungen im Hinblick auf Toleranz, Solidarität und die Akzeptanz von Vielfalt. Insbesondere in Schulen und in der Jugendarbeit besteht Verunsicherung, wenn es um Radikalisierungstendenzen von jungen Menschen geht. Fragen nach Lösungsmöglichkeiten und Hilfsangeboten, die einer Radikalisierung entgegenwirken, tauchen im Schulalltag auf. Dies um so mehr als Jugendliche teilweise Ressentiments gegen muslimische Mitschüler haben, insbesondere, wenn diese ihre Religiosität offen ausleben. Rechtspopulistische Bewegungen wie Pegida erfahren mehr Zustimmung, auch unter Jugendlichen. Unter Jugendlichen steigt die Anzahl derer, die mit dem IS sympathisieren und die salafistische "Lies!"-Kampagne erhält immer mehr Zulauf. Auch aus unseren Landkreisen sind bereits Personen nach Syrien ausgereist, um für den IS zu kämpfen, darunter Jugendliche. Es sind junge Menschen aus unserer Nachbarschaft. Dies geht uns alle an.

Hinter dem Präventionsprojekt steht das Polizeipräsidium Ludwigsburg, das sich zusammen mit kompetenten Partnern vertieft mit Extremismus und Radikalisierung beschäftigt hat. Durch Fördermittel der Europäischen Union zur Realisierung gebracht, bieten wir das Projekt in den Landkreisen Ludwigsburg und Böblingen an, also im dicht besiedelten Großraum Stuttgarts, wo der Bevölkerungsanteil von Menschen mit Migrationshintergrund relativ hoch ist. Wir setzen bei unserem Projekt bewusst auf die Doppeldeutigkeit der Vokabel „Achtung“. Sie steht für Wachsamkeit ebenso wie für die Achtung von Andersdenkenden. An den Schulen sind Lehrerinnen und Lehrer mit sehr heterogen zusammengesetzten Schulklassen konfrontiert, in denen sich aufgrund der weltpolitischen Situation neue Konfliktfelder geöffnet haben: So machte zum Beispiel nach dem Anschlag auf die Redaktion der Zeitschrift „Charlie Hebdo“ eine Grundschule Schlagzeilen, weil Schülerinnen und Schüler durch heftige antisemitische und islamistische Äußerungen aufgefallen waren. Lehrkräfte aus unseren Landkreisen bestätigen, dass solche Vorfälle keine Seltenheit sind. Darüber hinaus wird von Schulen berichtet, dass die vielfältige Zusammensetzung der Klassen mehr und mehr Probleme bereitet, da unter Schülern die Akzeptanz des jeweils Anderen sinkt und auch weltpolitische Geschehnisse immer mehr Einfluss auf die Beziehungen der Schüler untereinander gewinnen.

In dieser Gesellschaft mangelt es nicht an Kräften, die den Nährboden für Radikalisierungen bereiten, um letztlich ihre ideologischen Ziele zu verwirklichen. Um so wichtiger ist es, dass Staat und Gesellschaft nicht jenen das Feld überlassen, die sich der Sinnsuchenden bedienen. Wir möchten Jugendliche ebenso wie Erwachsene, Laien ebenso wie pädagogische Fachkräfte informieren, stärken und handlungsfähig machen. In der Umsetzung dieser Zielsetzungen zeichnet sich das Projekt insbesondere dadurch aus, dass es die fachlichen Expertisen vieler verschiedener Präventionsakteure vereint, sie teilweise übersetzt und pädagogischen Einrichtungen, insbesondere Schulen, in einem Konvolut zur Verfügung stellt. Der ganze Prozess wird wissenschaftlich begleitet.

Wir können uns informieren und wir können aufmerksam sein. Das Ziel der Initiative ist die Information und Stärkung von Jugendlichen und Erwachsenen. Jugendliche sollen über die Vorgehensweisen extremistischer Organisationen informiert sein sowie Anwerbetaktiken und Radikalisierungsmechanismen durchschauen können. Sie sollen in ihrer Persönlichkeit gestärkt werden und Angebote sowie das Vorgehen von Organisationen kritisch hinterfragen können. Insbesondere die Rolle der digitalen Vernetzung und des Einsatzes digitaler Medien soll dabei beleuchtet werden. Wir möchten, dass junge wie erwachsene Menschen verschiedene Weltanschauungen und Lebensweisen kennen lernen und darin bestärkt werden, diese Vielfalt zu akzeptieren und positiv zu werten. Darüber hinaus sollen Jugendliche und Erwachsene über Hilfsangebote, Anlaufstellen und Ansprechpartner informiert sowie zum Austausch über Radikalisierung und Akzeptanz von Vielfalt angeregt werden.

Bereits im Kindergarten und danach an Schulen und Universitäten können junge Menschen die Erfahrung machen, dass ihre Stimme zählt, sich konstruktive Auseinandersetzung lohnt und es gesellschaftlich legitimierte Möglichkeiten gibt, Ungerechtigkeiten zu begegnen. Gerade Jugendliche haben oft die Empfindung, ungerecht behandelt worden zu sein. Nicht selten treibt sie das Verlangen, mit Hilfe ihrer Gruppe „die Welt zu retten“. Besonders „anfällig“ für extremistische Gruppen sind Jugendliche zwischen 12 und 16 Jahren. Sie erhoffen sich durch den Anschluss an eine extremistische Gruppe, vermisste familiäre Wärme zu finden. Sie suchen in der Gruppe Vertrautheit und positive Bestätigung. Ihr Tun soll die Gesellschaft „verbessern“. Dass es dabei womöglich „Opfer“ gibt, wird in Kauf genommen und dadurch legitimiert, dass einige auf der Strecke bleiben müssen, um Raum zu schaffen für die neue, bessere Welt. Solche und andere Mechanismen will die Initiative beschreiben und offen legen, damit sie sichtbarer werden für alle.

Die Initiative „ACHTUNG?!“ hat beim Polizeipräsidium Ludwigsburg eine Geschäftsstelle eingerichtet, die telefonisch unter der Nummer 07141 18-2417 und per mail unter kontakt@radikalisierung.info zu erreichen ist. Unser umfassendes Gesamtangebot aus einer Hand ermöglicht es Schulen und Bildungseinrichtungen, das Thema im Schulalltag umfassend zu bearbeiten. Der Radikalisierung von Jugendlichen soll durch die Maßnahmen zu einem frühen Zeitpunkt vorgebeugt werden. Jugendliche sollen über die Vorgehensweisen extremistischer Organisationen informiert sein sowie Anwerbetaktiken und Radikalisierungsmechanismen durchschauen können. Zu den Modulen, die wir für Schulen und Bildungseinrichtungen anbieten, gehören ein interaktives Theaterstück mit Nachbereitung, die Einbindung des Online-Spiels "Change City" in den Unterricht, der Impulspräsentation "Du bist gefragt" sowie die Weltethos-Ausstellung "Weltreligionen, Weltfrieden, Weltethos" und ein Wertschätzungstraining. Erwachsene, insbesondere auch pädagogische Fachkräfte, sollen Informationen zu extremistischen Organisationen und ihre Vorgehensweisen erhalten. Sie sollen in die Lage versetzt werden, eine beginnende Radikalisierung zu erkennen und adäquat zu handeln. Diese Ziele sollen durch den speziellen Informationsvortrag, die eintägigen Fortbildungen der Landeszentrale für politische Bildung, die Weltethos-Fortbildungen und -ausstellung sowie gegebenenfalls das Coaching erreicht werden.

Die Frage nach den Ursachen von Radikalisierung junger Menschen ist eine hoch aktuelle und zugleich junge Frage, die in Praxis, Politik und Wissenschaft diskutiert und erforscht wird. Gemeinsamer Nenner ist das Ziel, der Radikalisierung junger Menschen in jegliche extreme Richtungen frühzeitig entgegenzuwirken, um nicht Gefahr zu laufen, diesen Teil der Gesellschaft dauerhaft zu verlieren. Im Hintergrund steht dabei auch die Frage nach der Verantwortung der Gesellschaft für das Phänomen der Radikalisierung junger Menschen.

Bislang gibt es nur wenige Projekte, die sich des Themas mit einem breiten Ansatz annehmen und noch weniger, die auf ihre Wirksamkeit untersucht werden. Die Initiative "ACHTUNG?!" betritt deshalb Neuland. Das Projekt soll deshalb nicht nur evaluiert, sondern von Beginn an auch wissenschaftlich begleitet werden. Damit soll einerseits die Möglichkeit geschaffen werden, bei Bedarf nachzusteuern und zu korrigieren und zum anderen nachvollziehbare Erkenntnisse für eventuelle Fortführungen über die Projektdauer hinaus oder für andere Projekte zu schaffen.

Diese Nachvollziehbarkeit und Bewertbarkeit soll mittels einer durchgehenden wissenschaftlichen Begleitung und formativen Evaluation erreicht werden.